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Samstag, 11. November 2017 09:38 Uhr

10 Jahre KAIP - Schnelle Information und Vermittlung für Betroffene von Partnerschaftsgewalt

KAIP- das Kooperative Gewaltintervention-Programm Region Kassel feiert sein zehnjähriges Bestehen. Symbolfoto: Pixabay

Landkreis Kassel (red). KAIP- das Kooperative Gewaltintervention-Programm Region Kassel feiert sein zehnjähriges Bestehen. Polizei, Staatsanwaltschaft, Stadt und Landkreis Kassel sowie Frauen- und Opferhilfeberatungsstellen und das Diakonische Werk beschlossen am 12. November 2007 eine Zusammenarbeit, die es zuvor so nicht gegeben hatte und die in dieser Form, zumindest in Hessen, bisher einzigartig ist. Ziel des kooperativen Programms ist es, die Betroffenen von häuslicher Gewalt nach einer Gewalttat bzw. einem Polizeieinsatz schnellstmöglich bzw. zeitnah über weiterführende Hilfsangebote und Schutzmaßnahmen zu informieren. Diese Form der sogenannten proaktiven Arbeit ist deshalb so wichtig, da in der Zeit direkt nach einem Vorfall Opfer zugänglicher sind für Information und Beratung und eine Veränderung ihrer Situation herbeiführen wollen. Auch die Motivation für Täter, sich auf Beratung einzulassen, ist dann meist höher. Die beteiligten Beratungsstellen (Kasseler Hilfe e.V., Frauen informieren Frauen-FiF e.V., Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel e.V. und das Diakonischen Werk Region Kassel) bewerkstelligen diese Arbeit. Im Wechsel übernehmen die erfahrenen Fachkräfte den Dienst im KAIP-Büro, das beim Polizeipräsidium Nordhessen angesiedelt ist.

Sie erlangen Kenntnis über alle Fälle häuslicher Gewalt, die in der Region Kassel zur Anzeige kommen und nehmen unmittelbar nach der Tat telefonisch, im Bedarfsfall auch schriftlich, Kontakt zu den Frauen auf, um erste Informationen weiterzugeben und die Frauen zu ermutigen, sich weitere Unterstützung zu holen. Sei es bei den Beratungsstellen, die an KAIP beteiligt sind, oder auch bei anderen Einrichtungen des Hilfesystems. Die männliche Fachkraft steht zum Erstkontakt mit den beteiligten Männern und zur Täteransprache zur Verfügung, um auch hier über Angebote zu Beratung und Therapie zu informieren. Das 2002 eingeführte Gewaltschutzgesetz bietet dabei eine Basis. Wird die Polizei gerufen, spricht sie in der Regel eine Wohnungswegweisung und ein Kontaktverbot aus. Wer schlägt geht, d.h. der Täter muss die gemeinsame Wohnung verlassen. Diese Zeit gilt es zu nutzen, z.B. für Information und Beratung und für weitere Anträge bei den Gerichten. Hierzu braucht es Wegweiser. "Wir wollen ein klares Signal setzen: Sie sind nicht allein, Sie finden Unterstützung! Es gibt Wege aus dem Dilemma!", erklärt Ute Ochs von der Kasseler Hilfe.

In den vergangenen 10 Jahren haben die Mitarbeiterinnen des KAIP-Büros in weit mehr als 4.000 Fällen Kontakt zu den Betroffenen aufgenommen. Die Stadt und der Landkreis Kassel sind die weiteren Kooperationspartner, die vor 10 Jahren den Kooperationsvertrag unterschrieben haben. Stadträtin Anne Janz sagt anlässlich des Jubiläums: "Ein solches Engagement für die Frauen in der Region Kassel, über so viele Jahre, so verlässlich - das ist unglaublich beeindruckend und ich möchte allen Beteiligten im Namen der Stadt Kassel ganz herzlichen Dank aussprechen." Dem schließt sich Susanne Selbert an und sagt: "Dass die immer stark geforderten Beratungsstellen dieses wichtige zusätzliche Angebot machen, um jede Chance zu nutzen, Frauen zu ermutigen und zu helfen, dafür meine größte Anerkennung.“ Die enge Vernetzung zwischen Polizei und Beratungsstellen, machen KAIP zu einer wertvollen Schnittstelle.

Auch wenn die Zusammenarbeit zwischen diesen verschiedenen Teilen des Hilfesystems auch anderswo nicht mehr durch Vorbehalte geprägt ist, wie es vielleicht früher einmal war, ergibt sich durch die enge Zusammenarbeit eine Qualität der Kenntnis und des Verständnisses für die Abläufe in den jeweils anderen Institutionen. Polizeipräsident Konrad Stelzenbach: "Durch die hervorragende Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen können wir Opfern von häuslicher Gewalt nicht nur in der akuten Situation helfen und für Sicherheit sorgen, sondern dazu beitragen, dass sie eine Perspektive für ein Leben ohne Gewalt entwickeln können.“ In einem jährlichen Kooperationstreffen tauschen sich zusätzlich zu denen, die die Arbeit im KAIP-Büro tragen, die Staatsanwaltschaft, die Gerichtshilfe, die Jugendämter, pro familia (sie bietet gemeinsam mit dem Diakonischen Werk die Gruppe für Täter an) und die Frauenbüros von Stadt, Landkreis und der Stadt Baunatal aus. Diese gute Vernetzung im Hinblick auf dieses Projekt wirkt sich auch positiv auf die weiteren Strukturen der Zusammenarbeit in diesem Bereich aus, z. B. am Runden Tisch gegen häusliche Gewalt Region Kassel. "Wir hoffen auf eine lange Weiterführung dieses hervorragenden Projekts, einem wichtigen Baustein im Hilfesystem für Opfer von häuslicher Gewalt in unserer Region", so Polizeipräsident Stelzenbach.

Hintergrund: In manchen Regionen gibt es eigene sogenannte Interventionsstellen für diese Arbeit. In Kassel hat man schon immer auf die enge Anbindung an die Polizei gesetzt, schon in einem Vorläuferprojekt in den Jahren 1999 und 2000. In der Region Kassel wird die proaktive Arbeit von der Polizei und den beteiligten Beratungsstellen im Rahmen ihrer Aufgaben in diesem Bereich geleistet. Die Initiative zu einem neuen Anlauf für proaktive Arbeit mit der jetzt bestehenden Kooperationsvereinbarung ging vor 10 Jahren insbesondere vom damaligen Polizeipräsidenten Wilfried Henning und des Präventionsbeauftragten PHK Reimund Philipp, der Frauenbeauftragten der Stadt Sabine Chelmis und Oberstaatsanwältin Andrea Boesken in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der Kasseler Hilfe aus. Dabei ist es ein hoher Aufwand für die Beratungsstellen, aus ihren Beratungszeiten die Stunden für das KAIP-Büro sicherzustellen, ohne dass dafür eine gesonderte Finanzierung erfolgt. Seit die aktive Arbeit der Beratungsstelle in 2008 aufgenommen wurde, wurden bis November 2017 von ca. 6000 Fällen Häuslicher Gewalt in Stadt und Landkreis Kassel, insgesamt 4320 Opfer kontaktiert und 949 Täter.

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